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Vom Grafen, der alles wissen wollte

Was der Turm von Schloss Brake erzählt


Dieser Turm gibt Rätsel auf. Nicht weil er da als Teil des Schlosses in Lemgo-Brake dicht am Wasser steht, hoch und klotzig. Die Finessen sind es, die ihn besonders machen: Ein Windkanal führt von der Schlosskapelle nach oben hinauf. So konnte man im Turm der Musik lauschen, die unten in der Kapelle gespielt wurde: Immer live dabei. Ein Studierzimmer gibt es hier, beheizbar und mit einer kleinen, geheimen Kammer verbunden. Ob das ein Privatarchiv war? Ganz oben tritt man heraus auf eine offene Galerie. Wer möchte, kann von hier aus des nachts Sterne gucken. Prächtig mit Stuck verzierte Gewölberäume boten reichlich Platz für eine Bibliothek, den großen Wissensspeicher.

Ein pfiffiges Kerlchen muss hier zuhause gewesen sein. Graf Simon VI. zur Lippe, gestorben 1613, war ein wichtiger Politiker: Hauptmann des Niederrheinisch-westfälischen Reichskreises, Reichshofrat, kaiserlicher Kammerherr und noch manches mehr. Er konnte Latein und Niederländisch, Italienisch und Französisch, hatte Lust auf moderne Musik und wollte alles wissen, was die hellsten Forscherköpfe seiner Zeit an Neuigkeiten zu berichten hatten. Dafür brauchte er die passende Umgebung – und es kam ihm die Idee mit dem Turm.

Der Mann kannte sich aus in Europa

Vorbilder hatte der Graf in ganz Europa gefunden. An den adeligen Höfen von Prag und Brüssel kannte er sich genauso gut aus wie in Den Haag, Königsberg, Stuttgart, Wolfenbüttel und Kassel. Damit auch in Lemgo-Brake etwas los war, engagierte er einen Kapellmeister aus Holland. Aus Hamburg kam der Orgelbauer Scherer – ein Top-Mann der Branche. Und eines seiner besten musikalischen Talente, Johann Grabbe, schickte er zum Studieren nach Venedig zu Giovanni Gabrieli. Das Sternegucken betrieb Simon auch nicht nur so zum Spaß. Die aktuellsten Bücher zur Astronomie standen in seiner Bibliothek. Mit dem Nr. 1-Astronomen der Zeit, dem Dänen Tycho Brahe, schrieb er sich Briefe. Und Jost Bürgi, der raffinierteste Uhrmacher der Schweiz, kam öfter nach Brake, der Turmuhr wegen. Bei diesen Gelegenheiten brachte er auch gleich die supergenauen Messinstrumente mit, die der Graf bei ihm bestellt hatte. Simon VI. zur Lippe kannte sich aus in Europa. Helle im Kopf, wie er war, nahm er die besten Ideen des Kontinents auf.